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Wunschkind Gottes

Die Eltern einer angesehenen Familie riefen uns an. Ihr Sohn lag nach einem fehlgeschlagenen Selbstmordversuch im Krankenhaus.
"Ich werd's wieder tun", waren die ersten Worte, die er meiner Frau und mir bei unserem Besuch sagte.
"Warum?"
"Ich bin ein Irrtum, ein Fehler. Ich sollte eigentlich gar nicht da sein."
Wir verstanden ihn nicht.
Allmählich rückte er mit der ganzen Geschichte heraus. Er hatte ein häßliches Gespräch zynischen seinen Eltern mit angehört und dabei erfahren, daß er ein unerwünschtes Kind war. Seine Mutter hatte vergessen, die Pille zu nehmen, und bei einer Auseinandersetzung hatte sein Vater sie daran erinnert und ihr deshalb Vorwürfe gemacht.
Dieses Wissen hatte er nicht verkraftet. Es hatte ihn zerstört. Was sollte sein Leben für einen Sinn und Zweck haben. wenn er eigentlich gar nicht da sein sollte? Wenn seine Eltern ihn schon nicht wollten, wer dann?

Gott? - Will Gott, daß alle Kinder geboren werden, die geboren werden? Selbst wenn deren Eltern sie nicht wollten? Diese Fragen waren ihm zu schwer gewesen. Also hatte er die Alarmglocke gezogen.

"Gott will dich", versicherten wir ihm.
"Woher wollen Sie das wissen?" In seinem Gesicht spiegelten sich Zweifel und Hoffnung gleichzeitig.
"Gott selbst war ein ungewolltes Kind", antwortete ich. "Er kam unerwartet und ungeplant und stürzte seine Eltern in die größte Verlegenheit. Er kam zur Welt, ohne daß sie etwas dazu getan hätten, geschweige denn, daß sie sich ihn gewünscht hätten. Ja, er blieb sein Leben lang eine unerwünschte Person - bis man versuchte, ihn aus der Welt hinauszubefördern, indem man ihn kreuzigte."
"Und dennoch"
, fügte meine Frau hinzu, "hat es nie ein erwünschteres Kind gegeben, ein Kind, das Gott mehr geliebt hätte, nie einen Menschen, durch den mehr Menschen gesegnet worden wären, als Jesus."
Das Gesicht des Jungen drückte ungläubiges Staunen aus.
"Ich - ein Segen?"
"Ja, ein besonderer Segen"
, versicherten wir ihm.

Walter Trobisch

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