126

Hilfe! Die Herdmanns kommen!

Die Erzählerin dieser Geschichte ist ein Mädchen von circa 14 Jahren. Zum besseren Verständnis sei gesagt, daß diese Geschichte in Amerika spielt und in Amerika gibt es die Sonntagsschule. Die Sonntagsschule ist der kirchliche Unterricht, der halt am Sonntagmorgen erteilt wird.

Die Herdmann-Kinder waren die schlimmsten Kinder aller Zeiten. Sie logen und klauten, rauchten Zigarren (sogar die Mädchen) und erzählten schmutzige Witze. Sie schlugen kleine Kinder, fluchten auf ihre Lehrer, mißbrauchten den Namen des Herrn und setzten den alten, verfallenen Geräteschuppen von Fred Schumacher in Brand. Das Gerätehaus brannte nieder bis auf den Grund, und ich glaube, das überraschte die Herdmanns. Sie setzten ständig etwas in Brand, aber es war das erste Mal, daß sie es schafften, ein ganzes Gebäude niederzubrennen. Sie waren wirklich so rundherum schrecklich, daß man kaum glauben konnte, daß es sie wirklich gab: Ralf, Eugenia, Leopold, Klaus, Olli und Hedwig - sechs magere, dünnhaarige Kinder, die sich nur dadurch voneinander unterschieden, daß sie verschieden groß waren und an verschiedenen Stellen blaue Flecken aufwiesen, die sie sich gegenseitig beigebracht hatten. Wir waren überzeugt, daß sie direkt auf die Hölle zusteuerten, mit dem Umweg über die Staatliche Besserungsanstalt - bis sie sich mit meiner Mutter, der Kirche und unserem Krippenspiel einließen.

Meine Mutter hatte nicht erwartet, daß sie etwas mit dem Krippenspiel zu tun haben würde. Aber als dann Frau Amstrong hinfiel und sich das Bein brach, wurde sie in die Sache hineingezogen.

Natürlich dachte niemand auch nur im entferntesten an die Herdmanns im Zusammenhang mit dem Krippenspiel. Die meisten von uns wurden die ganze Woche über in der Schule von den Herdmanns herumgepufft, gestoßen und gezerrt und freuten sich auf den Sonntag. Es war der Tag, an dem man vor den Herdmanns Ruhe hatte.

Einmal im Monat ging die gesamte Sonntagsschule in die Kirche, um in den ersten 15 Minuten des Gottesdienstes etwas Besonderes zu bieten, ein Lied, ein Gleichnis aus der Bibel oder einen Vers.

Aber als mein Bruder Charlie in die Sonntagsschule ging, ließ sich die Lehrerin etwas Neues einfallen. Jeder sollte auf einen Zettel schreiben oder malen, was er an der Sonntagsschule am meisten mochte Und als wir alle in der Kirche waren, stellte sie sich vor die Gemeinde und sagte: "Heute werden uns einige unserer kleinsten Jungen und Mädchen erzählen, was die Sonntagsschule für sie bedeutet. Betty, was hast du auf deinem Zettel stehn?"
Betty Ketterer stand auf und sagte: "Was ich in der Sonntagsschule am meisten mag, ist das schöne Gefühl, das ich habe, wenn ich hingehe." Ein Kind sagte, es höre so gern die Biblische Geschichte. Schließlich sagte die Lehrerin: "Wir haben gerade noch für einen Zeit. Charlie, was kannst du uns über die Sonntagsschule erzählen?"Mein kleiner Bruder Charlie stand auf, und er mußte nicht einmal auf seinen Zettel schauen. "Was ich an der Sonntagsschule am meisten mag", sagte er, "ist, daß es hier überhaupt keine Herdmanns gibt."

Als wir ihn nach der Kirche abholten, sagte die Lehrerin zu uns: "Ich bin sicher, daß es noch viele andere Dinge gibt, die Charlie an der Sonntagsschule gefallen." Sie lächelte uns allen zu, aber man konnte sehen, daß sie richtig wütend war.
Auf dem Heimweg fragte ich Charlie: "Was sind denn die anderen Dinge, die dir angeblich gefallen?" Er zuckte mit den Achseln. "Ich mag ja den anderen Kram. Aber sie sagte, wir sollen aufschreiben, was wir am meisten mögen. Und was ich am meisten mag, sind keine Herdmanns."

Während der ganzen zweiten Klasse war Charlie mit blauen und grünen Flecken übersät, weil er neben Leopold Herdmann sitzen mußte. Aber letzten Endes war es sogar Charlies Schuld, daß die Herdmanns in der Kirche aufkreuzten. Drei Tage hintereinander klaute Leopold Herdmann die Süßigkeiten aus Charlies Frühstückspaket, und schließlich hatte Charlie keine Lust mehr, etwas dagegen zu unternehmen.
"Nimm's dir! Nur zu!", sagte er. "Mir macht das nichts aus. Ich bekomme ja so viel Süßigkeiten, wie ich will in der Sonntagsschule."
"Du lügst!"
, sagte Leopold und - Leopold hatte recht. Wir bekamen Ostereier zu Ostern und ein Stück Kuchen beim Kinderfest, das war alles.
"Wir bekommen auch Eis", fuhr Charlie fort. "Und Krapfen und Popcorn."
"Von wem denn?"
wollte Leopold wissen.
"Vom Pfarrer", sagte Charlie. Ihm fiel nichts anderes ein. Das war natürlich das Verkehrteste, was man den Herdmanns erzählen konnte, wenn man wollte, daß sie wegblieben.

Und -wie konnte es anders sein- schon am nächsten Sonntag waren sie da. Sie schlurften in die Kirche und hielten gespannt Ausschau nach den Süßigkeiten.
"Wo gibt's den Kuchen?" fragte Ralf den Sonntagsschulpfarrer.
Und Herr Greder sagte: "Mein Sohn, ich weiß nichts von einem Kuchen. Aber draußen in der Küche sammeln sie gerade die Essenspakete ein." Er meinte die Essensspenden, die wir jedes Jahr [am Erntedankfest] für das Waisenhaus stifteten.

Es war unser Pech, daß die Herdmanns gerade diesen Sonntag erwischten, denn als sie all die Dosen mit Spaghetti, Bohnen, Erdnußbutter und Pampelmusensaft sahen, mußten sie annehmen, daß doch etwas wahres an dem war, was Charlie über die Süßigkeiten erzählt hatte.

Also blieben sie. Zwar sangen sie keine Lieder mit und beteten auch nicht, aber dafür kamen sie zu etwas Geld. Ich sah jedenfalls, wie Eugenia eine Handvoll Münzen aus dem Kollektenteller nahm, als er an sie weitergereicht wurde.

Am Ende dieses Vormittags kam Herr Greder in alle Klassen und machte eine Mitteilung. "Wir beginnen bald mit den Proben für unser Weihnachtskrippenspiel", sagte er. "Nächsten Sonntag nach dem Gottesdienst werden wir uns alle hinten im Gemeindesaal versammeln und festlegen, wer die Hauptrollen spielt."

Am nächsten Sonntag:
N
ach der Kirche gingen wir in den Gemeindesaal, der hinter der Kirche lag. Drei Sonntagsschullehrer sollten für Ruhe sorgen. Es war gar nicht einfach, alle Kinder still zu halten.

"Keine Angst, es wird nicht lange dauern", fing meine Mutter an. "Zuerst möchte ich euch etwas von den Proben erzählen", sagte Mutter. "Wir werden jeden Mittwoch [Abend] hier um halb sieben proben. Die Kleinen aus der Vorschule und die Erstkläßler werden unsere Engel sein. Das mögt ihr doch - oder?" fragte Mutter.
Alle sagten ja. Was konnten sie auch anderes sagen!
"Die älteren Jungen und Mädchen brauchen wir als Hirten, als Gäste in der Herberge und als Engelchor."

Mutter zog die Sache wirklich im Blitztempo durch, und ich dachte, wie sich Frau Amstrong über all die Sachen aufregen würde, die [Mutter] einfach wegließ.

"Und dann brauchen wir Maria und Josef, die drei Weisen aus dem Morgenland und den Engel des Herrn. Nun wir wissen alle, was für ein Mensch Maria war. Sie war ruhig und freundlich und gütig, und das Mädchen, das die Maria spielt, sollte versuchen ebenso zu sein. Ich werde erst einmal fragen, wer sich dafür meldet, und dann entscheiden wir alle zusammen, welches Mädchen die Rolle spielen soll."
Die einzige, die diesmal die Hand hob, war - Eugenia Herdmann.
"Hast du noch eine Frage, Eugenia?" fragte meine Mutter. Ich glaube, das war der einzige Grund, den sie sich vorstellen konnte, weshalb Eugenia sich meldete.
"Nein", sagte Eugenia. "Ich will die Maria sein." Sie schaute über die Schulter nach hinten. "Und Ralf möchte der Josef sein."
"Jawoll", sagte Ralf.
Mutter starrte sie nur an. Es war wie in einem Kriminalfilm, wo die nette, kleine, alte, grauhaarige Dame einen doppelläufigen Revolver aus dem Handtäschen zieht, zum Bankbeamten sagt: "Rück den Zaster raus, aber dalli!" und man dasitzt und es einfach nicht glauben kann. Mutter konnte das hier nicht glauben.
"Nun sagte", sagte sie nach einer Minute. "Wir wollen erst ganz sicher sein, daß jeder eine Chance bekommt. Wer meldet sich noch für den Josef?" - Niemand meldete sich.
"Na gut", sagte Mutter. "Ralf wird unser Josef sein." Auch für die Weisen aus dem Morgenland meldete sich niemand außer Leopold, Klaus und Olli Herdmann.

Da stand also meine Mutter und hatte ein Krippenspiel am Hals mit lauter Herdmanns in den Hauptrollen. Eine Herdmann und eine Hauptrolle waren noch übriggeblieben, und es bedurfte keiner besonderen Klugheit, sich auszurechnen, daß Hedwig den Verkündigungsengel spielen würde.

Die erste Probe:
A
lle waren ruhig und setzten sich gleich hin, weil sie Angst hatten, es könnte ihnen sonst vielleicht entgehen, was die Herdmanns Schreckliches anstellen würden.

Sie kamen zehn Minuten zu spät und schlenderten in den Raum wie eine Bande Geächteter, die vor hat einen Saloon leerzuschießen.

Mutter sagte: "Hier kommt die Familie Herdmann. Wir freuen uns, euch alle hier zu sehn." (Das war sicher die dickste Lüge, die je in einer Kirche laut ausgesprochen wurde.) Eugenia lächelte - das Herdmänner-Lächeln, wie wir es nannten, dreckig und gemein -, und dann saßen sie da, fast Kriminelle in unseren Augen, und die sollten nun das Edelste und Schönste darstellen, das es gab.

Mutter fing [nun] an, die Kinder in Hirten und Engel und Herbergsgäste einzuteilen, und schon gab es die ersten Schwierigkeiten.
"Was ist eigentlich eine Herberge?" fragte Klaus.
"So etwas ähnliches wie ein Hotel", erklärte ihm jemand. "Wo Leute übernachten können."
"Was für Leute?"
fragte Klaus. "Jesus?"
"Wie ging's los?"
schrie Eugenia meiner Mutter zu. "Fangen sie doch am Anfang an!"

Die Sache war eben die, daß die Herdmanns nicht das geringste von der Weihnachtsgeschichte wußten. Sie wußten gerade noch, daß Weihnachten der Geburtstag Jesu war, aber alles andere war neu für sie.

Und Mutter sagte, es sei wohl das Beste, zuerst einmal die Weihnachtsgeschichte vorzulesen.
"...da machte sich auch Josef auf, daß er sich schätzen ließe, mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die gesegneten Leibes war..."
"Schwanger"
, rief Ralf Herdmann.
Das verursachte ziemliche Unruhe. Die größeren Kinder begannen zu kichern, und die kleineren wollten wissen, was denn so komisch war. Mutter mußte mit einem Zeigestock auf den Boden klopfen. "Genug, Ralf!" sagte sie und las weiter vor.
"Was ist das?" fragten [die Herdmanns] immer, wenn sie einen Ausdruck nicht verstanden. Als Mutter vorlas, daß kein Platz in der Herberge war, fiel Eugenia die Kinnlade herunter, und sie sprang auf. "Verdammt!" sagte sie. "Nicht einmal für Jesus?"
"Na ja, also..."
[sagte] Mutter.
"Wie hieß das, wo sie das Baby reingelegt haben?" fragte Leopold. "Diese Krippe ... ist das so'ne Art Bett?"
"Das ist es ja gerade"
, sagte Mutter. "Sie hatten eben kein Bett im Stall. Also mußten Maria und Josef das nehmen, was sie dort vorfanden. Eine Krippe ist ein hölzerner Futtertrog für Tiere."
"Was waren die Bindeln?"
wollte Klaus wissen.
"Die was?" fragte Mutter.
"Sie haben doch vorgelesen: Sie wickelten ihn in Bindeln."
"Windeln"
, seufzte Mutter. "Früher hat man die Babys fest in große Tücher eingewickelt. Die Babys fühlten sich dabei behaglich und geborgen. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen", fuhr Mutter fort, "und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie, und..."
"Batman!"
schrie Hedwig, warf die Arme auseinander und ohrfeigte dabei das Kind neben ihr.
"Wie bitte?" fragte Mutter. Mutter las nie Comic-Hefte.
"Aus dem Dunkel der Nacht erschien Batman, der Rächer der Entrechteten..."
"Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Hedwig"
, sagte Mutter. "Das ist der Engel des Herrn, der zu den Hirten auf dem Feld kommt."
"Aus dem Nichts?"
fragte Hedwig. "Aus dem geheimnisvollen Dunkel der Nacht, ja?"
"Na ja."
Mutter sah etwas unglücklich aus. "Gewissermaßen."
Hedwig setzte sich wieder hin und sah sehr zufrieden aus. So, als ob das endlich ein Teil der Weihnachtsgeschichte wäre, den sie verstand.

Ich konnte die Herdmanns nicht verstehen. Man hätte denken können, die Weihnachtsgeschichte käme direkt aus den Polizeiakten des FBI, so gingen sie mit. Sie wünschten dem Herodes ein blutiges Ende, sorgten sich um Maria, die ihr Baby in einen Futtertrog legen mußte, und nannten die Heiligen Drei Könige eine Bande schmutziger Spione. Und als sie die Probe verließen diskutierten sie darüber, ob Josef die Herberge hätte anzünden oder ob er nur den Gastwirt über die Grenze hätte jagen sollen.

Heiligabend:
M
utter meinte, wenn alles vorbei wäre, würde sie irgendwohin gehen und sich verkriechen.

"Wir sind nicht ein einziges Mal [bei den Proben] ganz durchgekommen", sagte sie. "Ich weiß überhaupt nicht, was passieren wird. Vielleicht wird es das erste Krippenspiel in der Geschichte, bei dem Josef und die Heiligen Drei Könige einen Boxkampf anfangen und Maria mit dem Kind wegläuft."

Aber zunächst lief alles wie immer. Wie immer herrschte ein großes Durcheinander, aber alles beruhigte sich, und pünktlich um halb acht begann das Krippenspiel. Wir sangen zwei Verse von "Zu Bethlehem im Stalle", und dann sollten wir das Lied noch ein bißchen weitersummen, während Maria und Josef durch die Seitentür hereinkamen. Nur, sie kamen nicht. Also summten wir und summten, was sehr langweilig und schwierig ist, und nach kurzer Zeit klang es nicht mehr wie ein Lied, sondern eher wie ein alter Kühlschrank. Ich schätze wir hätten weitergesummt, bis wir schwarz geworden wären, aber es kam nicht so weit. Ralf und Eugenia traten auf. Eine Minute lang standen sie einfach da, als ob sie nicht sicher seien, daß sie am richtigen Ort waren. Das lag vielleicht an den Kerzen und den vielen Menschen in der Kirche. Sie sahen aus wie die Leute, die man manchmal in der Tagesschau sieht: Flüchtlinge, die irgendwo an einem fremden, kalten Ort wartend herumstehen, umgeben von Pappkartons und Säcken. - Plötzlich wurde mir klar, daß es der echten Heiligen Familie genauso ergangen sein muß, einquartiert in einem Stall, von Leuten, denen es egal war, was mit ihnen geschah. Sie konnten gar nicht besonders gepflegt und sauber ausgesehen haben. Sicher hatten sie eher so ausgesehen wie diese Maria und dieser Josef. (Eugenias Schleier hing schief wie gewöhnlich, und Ralfs Haare standen nach allen Seiten ab.) Eugenia hatte die Babypuppe bei sich, aber sie wiegte sie nicht in den Armen, wie man es gewohnt war. Sie hatte es über die Schulter gelegt, und bevor sie [die Puppe] in die Krippe legte, klopfte sie ihr zweimal auf den Rücken.

Ich hörte Alice [Wendlaken] tief Luft holen. "Kannst du dir vorstellen, daß er Bauchweh hatte?" [fragte sie mich.] Ich sagte: "Warum denn nicht." Und ich konnte es mir wirklich vorstellen. Er konnte Bauchweh haben oder unruhig sein oder hungrig, genau wie jedes andere Baby auch. Das war es ja gerade: daß Jesus nicht auf einer Wolke heruntergekommen war wie eine Märchenfigur, sondern daß er richtig geboren wurde und als Mensch lebte.

Als nächstes kam Hedwig hinter dem Engelchor hervor. Sie schubste die anderen aus dem Weg oder trat ihnen auf die Füße. Da Hedwig die einzige war, die in dem Krippenspiel etwas zu sagen hatte, nutzte sie das auch aus. "He! Euch ist ein Kind geboren!" schrie sie, und es klang wirklich wie die beste Botschaft der Welt. Alle Hirten zitterten und fürchteten sich - vor Hedwig natürlich, aber jedenfalls wirkte es gut.

Danach hatten wir ein bißchen Ruhe, während die Jungen sangen "Wir sind die Drei Könige..." und die Zuschauer sich umdrehten, um den Auftritt der Heiligen Drei Könige nicht zu verpassen.

"Was haben die denn da?" flüsterte Alice.

Ich wußte es nicht. Aber was es auch war, es war jedenfalls schwer. Leopold ließ es fast fallen. Dafür hatte er das Gefäß mit Weihrauch nicht dabei, und Klaus und Olli hatten gar nichts in der Hand, obwohl sie Gold und Myrrhe mitbringen sollten. Leopold ließ den Schinken vor die Krippe fallen. Während wir sangen: "Gold und Weihrauch bringen wir", sollten sich die Heiligen Drei Könige miteinander unterhalten und dann jeder zu einer anderen Tür hinausgehen, damit klar würde, daß jeder einen anderen Weg nach Hause nahm. Aber die Herdmanns hatten das entweder vergessen oder sie wollten nicht, jedenfalls unterhielten sie sich nicht und gingen auch nicht. Sie saßen einfach da, und niemand konnte etwas dagegen unternehmen.

"Sie verderben alles", flüsterte Alice. Aber sie taten es ganz und gar nicht. Es war wirklich viel sinnvoller, daß sich die Heiligen Drei Könige hinsetzten und ausruhten. Ich fand, daß die Herdmanns nichts verdarben, sondern im Gegenteil das Krippenspiel um vieles verbessert hatten, indem sie einfach das taten, was ihnen logisch erschien. Zum Beispiel, daß sie das Baby auf den Rücken klopften und einen Schinken für ein besseres Geschenk hielten als eine ganze Menge parfümierter Öle.

Ich wünschte fast, das Krippenspiel ginge weiter, nur um zu sehen, was die Herdmanns noch alles anders machen würden. Vielleicht würden die Heiligen Drei Könige Maria von der Geschichte mit Herodes erzählen, und sie würde ihnen raten, daß sie zurückgehen und ihm das Blaue vom Himmel herunterlügen sollten. Oder Josef würde mit ihnen zurückgehen und ein für allemal Schluß mit Herodes machen. Ich war so damit beschäftigt, mir immer neue Möglichkeiten auszudenken, wie man das Baby Jesus retten konnte, daß ich den Anfang von "Stille Nacht, heilige Nacht" verpaßte. Aber es war nicht weiter schlimm, weil alle mitsangen, auch die Zuschauer. Wir sangen alle Strophen, und als wir zur Stelle kamen "Gottes Sohn, oh, wie lacht...", schaute ich zufällig zu Eugenia hinüber. Fast hätte ich mein Gesangbauch auf einen kleinen Engel fallen lassen.

Jeder hatte die ganze Zeit darauf gewartet, daß die Herdmanns etwas absolut Unerwartetes tun würden. Und nun war es geschehen: - Eugenia Herdmann weinte. - Im Kerzenlicht glänzte ihr ganzes Gesicht vor Tränen, und sie machte nicht einmal den Versuch, sie wegzuwischen. Sie saß nur da - die schlimme, schreckliche Eugenia - und weinte und weinte und weinte. - Es war wirklich das beste Krippenspiel, das jemals aufgeführt wurde. Das sagte hinterher jeder, aber niemand schien zu wissen, warum es so war. Für mich war das merkwürdigste, daß ich jahrelang über das Wunder von Weihnachten und das Geheimnis von Jesu Geburt nachgedacht und es nie wirklich verstanden hatte. Aber jetzt, durch die Herdmanns, schien mir das alles nicht mehr so geheimnisvoll. Was mich betrifft, so wird Maria immer etwas von Eugenia Herdmann haben, ein bißchen unruhig und verwirrt, aber bereit, jeden zu verprügeln, der ihrem Baby zu nahe treten will. Und die Heiligen Drei Könige werden für mich Leopold und seine Brüder sein, mit einem Schinken in der Hand.

Als wir an diesem Abend aus der Kirche kamen, war es kalt und klar. Der Schnee knirschte unter unseren Füßen, und die Sterne leuchteten hell, sehr hell. Und ich dachte an den Verkündigungsengel, an Hedwig mit ihren dünnen Beinen und ihren schmutzigen Stiefeln, die unter ihrem Kostüm vorschauten, an Hedwig, die uns allen zurief:

"He, euch ist ein Kind geboren!"

Barbara Robinson

zurück