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Fallen ins Nichts?

Ein korpulenter Student stieg in einen Zug, der nach Zürich fahren sollte. Doch als der Zug in einen Tunnel fuhr, der ohne Ende ZU sein schien, wurde er mißtrauisch. Alle anderen Menschen im Zug waren unbesorgt, schwätzten miteinander oder vertrieben sich auf irgendeine Weise die Zeit. Doch er wurde von immer größerer Unruhe erfaßt.

Der Schaffner, den er ansprach, konnte ihm keine befriedigende Auskunft geben.

Der Zugführer antwortete ihm: "Ich bitte Sie zu bedenken: Wir bewegen uns auf Schienen, der Tunnel muß also irgendwo hinführen."

Der Zug aber nahm an Geschwindigkeit zu. Sie kämpften sich vor zur Lokomotive. Doch als sie den Führerstand erreichten, merkten sie, daß der Lokführer bereits abgesprungen war, weil er offenbar keine Rettung mehr sah. Es schien ihnen, als rasten sie auf das Erdinnere zu.

"Was sollen wir tun?" schrie der Zugführer durch das Tosen der ihnen entgegenschnellenden Tunnelwände hindurch dem Vierundzwanzigjährigen ins Ohr, der mit seinem fetten Leib, der jetzt nutz los war, und nicht mehr schützte, unbeweglich auf der ihn vom Abgrund trennenden Scheibe ruhte, und durch sie hindurch den Abgrund gierig in seine nun zum ersten Male weit geöffneten Augen sog.

"Was sollen wir tun?"

"Nichts", antwortet der andere unbarmherzig, ohne sein Gesicht vom tödlichen Schauspiel abzuwenden...

"Nichts. Gott ließ uns fallen und so stürzen wir denn auf ihn zu."

Friedrich Dürrenmatt

Im Fallen daran festhalten, daß es ein Fallen-auf-Gott-zu ist, das kann wohl nur gelingen in der Gewißheit: "Mein Erlöser lebt".
Es ist die Trotzhaltung des Glaubens: "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!" ( 1. Mose 32,27).

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