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Hätte

Solange wir Gedanken und Vorstellungen daran verschwenden,
was alles hätte sein können,
welche Chancen wir verpasst,
welche Laufbahn wir versäumt,
welche Bildung wir vermisst haben,
welche Gesundheit mir nicht zuteil wurde,
und welche Träume unerfüllt bleiben,
solange füttern wir unsere Unzufriedenheit
schauen auf Dornen und Disteln
statt auf Blüten
und quälen uns und unsere Nächsten.

Als ich ein Kind war, Herr, wusste ich das nicht.
Ich wusste nicht, dass man so müde,
so müde seiner selbst sein kann,
und sich dann sagt, dass man sein Leben verfehlt hat.
Ich habe viele Versuchungen gekannt.
Diese ist wohl die schwerste.

Man möchte eine bessere Gesundheit,
einen glänzenderen Verstand,
einen nicht so armseligen Leib,
eine höhere Bildung,
eine andere Stellung
und den großen Kredit, den gewisse Leute haben...

Man entdeckt bei den anderen hundert Chancen,
die einem selbst zugestanden hätten,
und hundert Gelegenheiten,
die man selbst niemals gehabt hat...

Man weiß,
dass es höchste Zeit ist zu leben,
und zu spät, um zu träumen.
Man weiß,
dass das Unmögliche niemals eintreten wird.

Das zu wissen, ist schon Erleuchtung.
Und sie fällt gerade von dort her in mich ein,
von wo ich nichts erwarte.
Die Träume sind aus.
Es bleibt mir mein Leben-
das wahre, das ich lieben muss.
Mein Leben, wie es nun einmal ist,
und meine arme Gesundheit und meine ruhmlose Laufbahn.

Dieses, Herr, möchte ich jetzt annehmen.
Auch mich selbst, so arm, wie ich bin.
Ich will mich nicht mehr mit dem quälen,
was hätte sein können, und mein Glück darin finden,
zu tun, was ich kann.

Gebet von Lucien Jepharnon

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