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Blind und doch sehend

Bericht über das Leben eines sehr alt gewordenen Menschen:

Das Leben lag vor ihm, es war anzunehmen, dass es ein erfolgreiches Leben sein würde.
Er hatte alles, was man brauchte: Intelligenz, gutes Aussehen, die richtigen Verbindungen, einen starken Willen, Durchhaltevermögen.
Und doch entschloss er sich gegen alle Möglichkeiten, die man ihm anbot; denn in sich trug er den seltsamen Wunsch, wirklich hören zu lernen. Er wollte am oberflächlichen Hören vorbei zum Herzen des Hörens gelangen.

So widmete er sich ganz dem Hören. Er durchwanderte die vielen Stufen des Hörens. Immer wieder tat sich ihm eine neue, unbekannte Ebene auf. Beim Hören lernte er erleben, ergriffen werden und manchmal sogar verstehen. Viele Jahre hörte er sich das Reden und Leiden der Menschen an. Er hörte mehr zu als jeder andere Mensch um ihn. Er hörte viel mehr, als je in Worte gekleidet wurde, er hörte auch das, was keiner aussprach.

Am Anfang antwortete er auch noch. Er unterbrach, er fragte, klärte etwas, gab Ratschläge und machte Mut. Und oft verstand er schnell.

Im Laufe der Jahre wurde er stiller. Wohl nickte er noch, aber auch hiermit wurde er sparsamer. Es wurde zu einer Seltenheit, ihn sprechen zu hören. Er hielt den Mund geschlossen, denn er hatte es nicht nötig, durch Reden zu beweisen, dass er verstanden hatte. Selbst seine Stille war für die, die zu ihm kamen, eine Ermunterung, weiter zu reden. Sie schütteten sich vor ihm aus. Sie sahen in sich Tiefen, die Sie nie gekannt hatten, und sie wurden bereit, in diese Tiefen hinabzusteigen.

Nach Jahren seines Schweigens behauptete man mit Sicherheit, dass er das Sprechen verlernt habe. Zu etwa derselben Zeit wurde das Augenlicht des Mannes merklich schlechter. Zunächst stieß er sich nur an Dingen, wenn es dunkel wurde. Doch dann fand er auch am Tage nichts mehr. Er musste alles erfühlen. Aber je schlechter seine Augen wurden, desto mehr schienen sie zu leuchten. Die Ärzte, die zu ihm geschickt wurden, konnten die Art seiner Blindheit nicht diagnostizieren.

Blind und ohne die Gabe der Sprache hörte er weiter und tiefer. Besonders zu ihm hingezogen wurden nun auch Blinde, Stumme und alle mit besonderen Leiden. Sein ganzer Tag war ausgefüllt mit Hören.

Dann kam die Zeit, da die Menschen, die dem Mann besonders nahestehen die ersten Anzeichen einer einsetzenden Taubheit gespürt haben. Wie zum Ausgleich für sein fehlendes Gehör nimmt er nun die Hand des Menschen, der zu ihm gekommen ist, und legt sie in seine eigene Hand. Ist der Mensch ein Krüppel ohne Hände - und es kommen immer mehr Menschen dieser Art zu ihm - so zieht er den Kopf des Menschen zu sich an seine Brust. So verharren sie dann eine Weile. Für Außenstehende ist es schwer zu sehen, wer von beiden der Kranke, Hilfesuchende ist.
Und dann passiert immer wieder etwas ganz Seltsames. Wenn ein Mensch zu ihm kommt, mit ihm spricht oder auch nur schweigt, Hand in Hand oder den Kopf an der Brust des Mannes, verändert sich langsam das Gesicht des tauben, hörenden Mannes. Auch wird der Ausdruck des Körpers ein anderer. Alles an ihm nimmt den Ausdruck des zu ihm Gekommenen an. Aus dem nun mittlerweile sehr alten Gesicht, vom vielen Hören mit Falten gezeichnet, kann ein junges Gesicht werden. Der noch immer schöne Mund kann auf eigenartig schwere Weise durch Schmerzen verzogen werden, wenn ein Mann mit Schmerzen beladen zu ihm kommt. Seine ausgestreckten Arme sinken wie verkrüppelt zusammen, wenn ein Krüppel den Raum betritt. Blinde, Taube, Stumme, Leidende merken dies. Er selbst scheint es nicht zu merken, denn er kann sich nicht sehen, nicht hören. Und niemand will es ihm sagen, weil er sonst vielleicht diese Fähigkeit verlieren würde. Wie er wohl aussehen wird, wenn sein reiches Leben zu Ende geht?

Ein Mensch wird blind und kann weiter sehen. Er wird taub und kann tiefer hören. Er kann sich mit dem Leid anderer, die zu ihm kommen, so identifizieren, dass er selbst zum Leidenden wird und ihre Last für sie trägt.
Ich bin ähnlichen Menschen begegnet. Seither ist die positive Bedeutung des Leidens jenes Gottesknechtes, sein stellvertretendes Leiden und seine Bestimmung, "Licht für die Völker" zu sein, für mich gewiss und elementar wahr geworden.

Wolfgang Lentzen-Deisl

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