Auszüge aus der Predigt zu Matthäus 14, 22-33 von Pfarrer Eckard H. Krause am 07. Juli 2002
im Einsegnungsgottesdienst im Johanneum (Wuppertal)
Nach großartiger Erfahrung schickt Jesus seine Jünger in die
Nacht, aufs Meer und in einen lebensbedrohenden Sturm. Und er lässt
sie allein. Ich bin tief überzeugt: Es war keine Nachlässigkeit Jesu,
kein Versehen, die Jünger allein zu lassen. Auch der Sturm war kein
zufälliges Ereignis. Jesus hat gewollt, dass die Jünger in eine Krise
kommen! Der Wind, die lebensbedrohenden Wellen, die Nacht und die
scheinbare Gottesverlassenheit - all das war ein gut vorbereiteter
Liebesdienst Jesu an seinen Jüngern. Jesus will seine Jünger beizeiten
auf die Zeit "Danach" vorbereiten.
***
Wunder kommen und gehen. Erfolge haben keinen Bestand. Und Jesus
ist auch nicht alle Tage unmittelbar erfahrbar. Es ist so, als würde er
sagen: "Auch wenn ihr noch so viel betet: Es wird Zeiten geben, wo ihr
mich weder sehen noch fühlen könnt. Und es wird Zeiten geben, wo ihr
mich auch nicht mehr glauben könnt. Aber ihr sollt lernen: Auch wenn
ich scheinbar himmelweit von euch entfernt bin, bin ich doch immer eine
Hand breit neben euch! Wunder, Erfolge, ein Glaube, der Berge versetzten
kann, ein Herr, der zum Greifen nahe ist: Das ist nicht die Regel. Ihr
werdet selbst mich, den Sohn Gottes, bald am Kreuz schreien hören:
'Mein Gott, warum hast du mich verlassen!' Ihr sollt beizeiten
lernen: 'In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die
Welt überwunden!'"
Und dann endlich - es ist die vierte Nachtwache, also gegen 3 Uhr
morgens - kommt er. Er kommt auf ungewöhnliche Weise, er findet einen
Weg zu seinen Jüngern, der für sie gänzlich ungangbar erscheint: Er
kommt zu ihnen über das Wasser!
Gottes Liebe findet immer einen Weg zu uns Menschen, egal wo
du bist, egal wer du bist. Niemand ist weiter von Gott entfernt, tiefer
in Not verstrickt, als Gott ihn nicht in einem Augenblick erreichen und
ergreifen könnte! Trost all denen, die im Augenblick nichts fühlen von
seiner Macht, die den Eindruck haben, dass ihnen das Wasser bis zum
Halse steht, ihr Lebensschiff zu kentern droht: Er ist da, eine
Hand breit neben Ihnen!
Vielleicht geht es ihnen wie den Jüngern im Sturm. Er ist da! Aber
sie erkennen ihn nicht. Im Gegenteil: Zu aller Angst vor Wind und den
Wellen glauben sie obendrein noch, einen bösen Geist zu sehen. Voller
Entsetzen schreien sie: Ein Gespenst! Dann tut Jesus genau das, was er
bei Maria tat, als sie am Ostermorgen zum Grab kommt und nur den
Gärtner antrifft. Er spricht sie an: Sei getrost, ich bin's! Tröstlich
und ermutigend zugleich. Die spektakuläre Erscheinung Jesu mitten in
Wellen und Sturm tröstet und überzeugt nicht. Aber die Worte, die er zu
ihnen redet, haben Macht! Das ist bis heute so: Vielleicht ist jemand
heute Morgen hier, der sagt: "Ich würde ja glauben, aber ich warte noch
auf ein außergewöhnliches Zeichen. Ja, wenn Jesus jetzt mitten durch
die Reihen ginge, wenn ich ihn sehen könnte oder wie Thomas nach der
Auferstehung ihn berühren könnte, dann würde ich glauben."
Sind Sie da ganz sicher? Den Jüngern damals jedenfalls hat die
bloße Erscheinung Jesu furchtbare Angst gemacht. Vielleicht ist es ein
Zeichen der großen Liebe und Zuneigung Gottes zu Ihnen, dass er heute
Morgen "bloß" in seinem Wort zu Ihnen kommt. Wenn Sie ihn erfahren
wollen, dann warten Sie nicht auf spektakuläre Wunder, sondern bitten
Sie Gott, dass er Ihnen Ohren des Herzens schenkt und Sie in der
einfältigen Predigt, die Sie gerade hören, seine Nähe spüren! Jesus
ist an seinem Wort zu erkennen, damals und heute!
Aber wenn Sie jetzt daran zweifeln, sollen Sie wissen: Sie sind in
guter Gesellschaft. Auch Petrus hörte die Worte Jesu: "Seid getrost,
ich bin's, fürchtet euch nicht!" Aber er, der bereits so viel Großes
mit Jesus erlebt hat, ist sich nicht sicher: Ist das wirklich Jesus,
der da zu mir spricht, oder doch nur ein böser Geist? Ist das wirklich
Jesus, der mit mir redet, oder bilde ich mir das alles nur ein? Petrus
ruft seinen Zweifel Jesus entgegen. Er will ganz sicher sein. "Herr,
bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser!" Und
Jesus sagt einfach nur: "Komm her!"
Sie wissen, wie die Geschichte ausgeht: Petrus steigt aus dem Boot,
geht auf Jesus zu und… versinkt in den Wasserfluten!
Viele kluge Geister haben sich den Kopf darüber zerbrochen, warum
dieser mutige Glaubensschritt misslingt! Oder besser noch: warum
Jesus den Glaubenshelden Petrus versinken lässt! War Petrus vielleicht
doch zu weit gegangen und wollte Jesus ihm eine Lektion erteilen:
Fordere mich nicht heraus! Oder hat Jesus vielleicht doch nicht genug
Kraft, seine steilen Versprechen einzulösen?
Ich höre viele von Ihnen sagen: "So ist es mir auch gegangen. Wie habe
ich damals, als ein lieber Mensch todkrank war, gebetet - und nicht
nur ich. Viele haben mitgebetet und wir waren uns ganz sicher, Jesus
würde diesen lieben Menschen aus den Fluten des Todes erretten. Und
dann ist er doch gestorben." Oder: "Ich war mir nach langem Fragen und
Beten ganz sicher, dass Gott mich diesen oder jenen Weg führen will.
Und dann bin ich doch in einer Sackgasse gelandet."
Petrus hatte Jesus beim Wort genommen und… scheitert! - Herr, warum?
Goethe, der diese Geschichte sehr mochte, hatte im Gespräch mit
Eckmann seine Antwort gefunden: Es sei in der Geschichte "die hohe
Lehre ausgesprochen, dass der Mensch durch Glauben und frischen Mut in
schwierigen Unternehmen siegen werde, dagegen bei anwandelndem Zweifel
sogleich verloren sei." Mit anderen Worten: Wäre Petrus nur ein wenig
mutiger gewesen, hätte er genügend Selbstvertrauen gehabt, hätte er
nur ausreichend an sich und seinen Erfolg geglaubt, er wäre nicht
versunken.
Das genau ist ja auch die Botschaft der vielen Motivationstrainer, die
ihr Geld damit verdienen, Manager und einfache Leute zu schulen: Du
musst an dich glauben, dann kannst du scheinbar Unmögliches schaffen.
In vielen sektiererischen Gruppen wird genau das auch gelehrt: Jesus
will dich heilen, Jesus kann dich heilen. Und wenn er es nicht tut,
dann hast du nicht fest genug geglaubt! Und sie meinen, Jesus richtig
verstanden zu haben. Hat ER selbst nicht gesagt: "Wenn ihr wenigstens
Glauben hättet, so groß wie ei Senfkorn, ihr könntet Berge
versetzen." Also: Für Goethe, für manch einen Motivationstrainer und
manch einen Sektierer steht fest: Petrus ist gescheitert,
weil er nicht ausreichend geglaubt hat!
Liebe Zuhörer, das klingt so einleuchtend, das bestätigt unsere
Erfahrungen und… das klingt so christlich! Aber das Gegenteil
von dem wollte Jesus dem Petrus - und damit auch uns - zeigen.
Die Mitte des Evangeliums heißt nicht: Nimm Jesus und du
schaffst es! Sondern: Du schaffst es, wenn Jesus dich nimmt oder
anders gesagt: Jesus will uns, einen Jüngern, nicht Kraft, Glauben
und Selbstvertrauen geben, damit wir hingehen und die Dinge unter die
Füße bekommen!
Er will, dass wir uns an ihn hängen, auf seine Kraft vertrauen,
damit sie in uns Schwachen mächtig wird. Darum sagt er im
Missionsbefehl (Mth. 28) nicht: "Ich gebe euch alle Gewalt im Himmel
und auf Erden - und darum geht hin!" Nein, dort heißt es: "Mir ist
alle Gewalt gegeben - und darum könnt ihr hingehen." Und darum kann
Jesus auch Zweifler aussenden!
Wenn Petrus nicht versunken wäre, hätte er mit Sicherheit
geglaubt, das sei das große Wunder, dass er im Glauben an Jesus sogar
über das Wasser gehen kann. Vielleicht haben ja die Motivationstrainer
Recht: Reiß dich zusammen und du schaffst Unmögliches!
Das Wunder, das Jesus dem Petrus und damit Ihnen und mir zeigt, ist,
dass er seine Hand nach uns ausstreckt, dass er uns ergreift,
dass er uns errettet! Das soll mein Glaube und mein Bekenntnis sein,
das soll das Wunder sein, das ich rühme: "Stark ist mein Jesu Hand und
er wird mich ewig fassen…" Oder um mit Paulus zu sprechen: "Denn ich
bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch
Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch
Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe
Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn" (Röm. 8, 38+39).
Und Petrus würde hoffentlich nach dieser Erfahrung noch hinzufügen:
Auch Wind und Wellen, aber auch mein eigener Unglaube, kann mich
scheiden von der Liebe Gottes!
Ich bin sicher, da haben wir "Petrusse" noch eine ganze Menge
zu lernen: nicht auf uns zu sehen, auf unseren Glauben, auf unsere
Treue zu Jesus, auf unsere Kraft… Und wenn das der Grund ist, warum
mich Jesus oft mit meinem Lebensboot in Wind und Wellen allein lässt,
warum er manche meiner Schritte nicht zum Ziel bringt, manche meiner
Gebete anders erfüllt, als ich es erwarte, damit ich lerne,
mich nicht auf mich, sondern ganz und gar auf ihn zu verlassen, dann
will und kann ich ihm an Ende danken für manches Scheitern, für
Versagen und eigene Schuld, und für manches Wunder, das nicht
eingetroffen ist, damit ich das eigentliche große Wunder erlebe:
Gott rettet!
Und wie ist das mit uns Zweiflern, die wir Gottes Wort
ausprobieren wollen, um glauben zu können? Ja, natürlich!
Probieren Sie Jesus aus! Nehmen Sie ihn beim Wort! Nicht daran werden
Sie Jesus erkennen, dass Ihnen alles gelingt, sondern daran, dass er
Sie in allem hält!