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Brücken I

Wenn ich sagen sollte, was mir das größte Geschenk ist, das uns im Beten zuteil wird, dann möchte ich sagen:
Das größte ist, dass wir durch die Zwiesprache mit unserem Vater in seine Nähe kommen, dass wir seinen Frieden inmitten aller Unruhe schmecken und einen Halt gewinnen gegenüber allem, was uns umdrängt und uns zu Boden werfen möchte.

Wenn uns Gott ein Gebet gelingen lässt und sein Angesicht dann über uns leuchtet, haben wir manchmal beim Amen schon die Wünsche vergessen, die uns ursprünglich ins Gebet getrieben haben. Sie sind auf einmal unwesentlich geworden, weil es uns überwältigt, zu wissen, dass uns auf jeden Fall das widerfahren wird, was uns zum Besten dienen muss.

So kommt es nicht darauf an, ob uns ein Unglück trifft oder nicht, sondern ob wir den Ort der Zuflucht kennen und den Raum unter dem Schatten seiner Flügel (Ps 57, 2). Es kommt nicht darauf an, ob wir uns verfolgt und alles gegen uns zu haben wähnen, sondern, ob wir das Haupt zum Freunde haben und geliebt bei Gott sind.

Das Turmgebälk der Michaeliskirche mochte in Feuerstürmen niederbrechen und verkohlen. Aber nachher kam ein Künstler und schnitzte aus den so schwer verwundeten und verkohlten Balken einen Engel mit einem tröstenden und unsagbar ruhigen Antlitz. So ist auch Gott ein Künstler, der trotz unseres Flehens manches in unserem Leben zerbrechen lässt, woran unser Herz hängt. Denn seine Gedanken sind höher als unsere Gedanken. Doch dann baut er aus den Trümmerbalken unseres Lebens Brücken und Stege, auf denen er uns über alle Abgründe geleitet. Und keine Tiefe darf uns verschlingen.

Helmut Thielicke

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