Sammelt euch Schätze im Himmel
Es war einmal vor langer, langer Zeit, als ein Abt, der von seinen
Mönchen für heilig gehalten wurde, in seiner Zelle auf dem Sterbebett lag.
Er verlor das Bewusstsein und fand sich auf dem Weg zum Himmel.
Unterwegs begegneten ihm einige Wanderer die ebenfalls das Himmelreich
suchten. Sie schlossen sich ihm an und er führte sie sicher auf dem
langen und schwierigen Weg. Endlich kam das Ziel in Sichtweite: Nur noch
eine letzte Hürde trennte sie vom Himmelreich. "Nachdem wir so viele
Schwierigkeiten überwunden haben ist das auch kein Problem mehr." dachte
sich der Abt und er freute sich mit seinen Begleitern auf die
unmittelbar bevorstehende himmlische Herrlichkeit. Kurz vor dem letzten
Hindernis stand der Engel des Herrn.
Der erste Wanderer trat hinzu und der Engel des Herrn holte aus einer
Höhle eine wunderbare Schatztruhe, auf der der Name des Hinzugetretenen
stand. Der Engel des Herrn öffnete die Truhe...
und sie war leer. Beschämt trat ihr Besitzer zur Seite. Nie hätte er
gedacht, dass das Bibelwort "Sammelt euch Schätze im Himmel!" so
wörtlich zu verstehen sei.
Nun trat der zweite Himmelssucher heran und auch seine Schatztruhe wurde
vor ihm hingestellt. Der Engel des Herrn öffnete auch diese...
und sie enthielt ein paar gute Taten. Diese leuchteten und funkelten wie
die schönsten Edelsteine. Der Wanderer trat zur Seite und dachte:
"Besser als nichts!"
Nur schritt unser Abt siegessicher von der Engel des Herrn, der auch
seine Schatztruhe öffnete...
Sie war übervoll von guten Taten, die so funkelten und glänzen, dass es
den Augen weh tat. Stolz trat er zur Seite.
Schließlich kam der letzte Wanderer ängstlich näher. Der Engel des Herrn
öffnete seine Schatztruhe...
und ein fürchterlicher Gestank verpestete die Luft. Die drei anderen
rümpften die Nasen. Der Anblick war genauso entsetzlich: Es sah aus wie
eine Odelgrube. Die anderen entrüsteten sich: "So etwas kurz vorm
Himmel. Dass der sich überhaupt hier her traut. Das ist doch eine
Unverschämtheit!"
Aber der Engel des Herrn schaute seinen Gegenüber freundlich an und
forderte ihn auf weiter zu gehen. Beschwingt setzte dieser seinen Weg
fort, nahm schließlich einen kleinen Anlauf und sprang leichtfüßig über
die letzte Hürde und hatte so sein Ziel erreicht.
Nun warteten die anderen drei, dass auch sie der Engel des Herrn zum
Weitergehen auffordern würde; aber er tat es nicht. Da meinte der Abt,
dass die Aufforderung dazu sicherlich für alle gegolten hätte: Er nahm
einen langen Anlauf, sprang, kam aber kaum vom Boden weg, und schlug
fürchterlich gegen das letzte Hindernis. Nicht gerade fluchend aber
doch heftig schimpfend humpelte er zurück.
Jetzt gingen die drei auf den Engel des Herrn zu und schauten ihn
erstaunt an. Aber der Engel des Herrn schaute sie noch viel erstaunter
an: "Habt ihr denn nicht verstanden, was ihr hier gesehen habt? Euer
Begleiter hat all seine Probleme, Schwierigkeiten, Sorgen,
Schlechtigkeiten, Gemeinheiten, Fehler und Sünden vor den Herr gelegt
und sie ihm geschenkt. Deshalb konnte er so unbelastet über die letzte
Hürde springen und ist nun im Himmelreich. Euch hat der Herr doch auch
Probleme, Schwierigkeiten, Sorgen, Schlechtigkeiten, Gemeinheiten,
Fehler und Sünden mit auf den Lebensweg gegeben. Aber ich finde sie
nicht in euren Truhen. Ihr habt sie für euch behalten und deshalb seid
ihr zu sehr belastet, um die letzte Hürde nehmen zu können."
Andreas Lehmann